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Familie Plonsker
Martha Plonsker brachte eine uneheliche Tochter in die Ehe. Die Tochter war
im Sinne des "Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes" „arisch", die übrigen sechs Kinder, die zwischen 1925 und 1940
aus der Ehe hervorgingen, waren nach den
Nürnberger Rassegesetzen „Halbjuden". Der älteste Sohn Hans,
erinnerte sich seines Vaters als bescheidenen, einfachen Menschen, der
als kaufmännischer Angestellter ein kleines Gehalt bezog. Als die
Nazis zur Macht kamen, musste er die Stelle aufgeben und durfte nur
noch als Fuhrmann mit einem Pferdefuhrwerk zunächst für eine
Wäscherei, dann für den Bäcker Hartke im Schnoor die Waren zu den
Kunden bringen. Damit konnte er bis
zu seiner Verhaftung im Februar 1945 ein bescheidenes Gehalt nach
Hause bringen. Frau Plonsker war eine sehr couragierte Frau. Sie erledigte
die Geschäfte der Familie, da der
Vater wegen seiner jüdischen Abstammung zu äußerster
Zurückhaltung, ja zum Schweigen in der Öffentlichkeit gezwungen war.
Der
älteste Sohn Hans hatte die St. Johannis-Schule besucht, bis sie 1938
von den Nazis geschlossen wurde. Das letzte Schuljahr hat er in der Horner Schule verbracht. Da er in der St. Johannis-Schule der
Klassenbeste war, wäre er gern zum Gymnasium gegangen, musste aber
auf Anraten der Mutter darauf verzichten. In beiden
Schulen musste er keine Diskriminierung ertragen. Weil er Messdiener war, hatte
er guten Kontakt zu den Geistlichen von St. Johann, die der Familie nach besten Kräften halfen. Kleiderspenden und die Möglichkeit,
jeden Mittag in einem Kanister Essensreste vom St. Joseph-Stift
abzuholen, halfen der Familie aus der größten Not. Auch beim Bäcker Hartke konnten sie sich
altes Brot abholen oder ein Frühstück einnehmen. Nach
der Schulzeit konnte Hans Plonsker eine Lehre beim Gärtner Scherrer
in Horn beginnen. Er wurde gut behandelt und konnte nach seiner
Lehre noch ein Jahr als Gehilfe im Betrieb und später in einer
Baumschule in Hiltrup arbeiten. Im November 1944 musste er sich im
Arbeitslager Kassel melden, widrigenfalls würde die ganze Familie in Sippenhaft
genommen. Die etwa 400 „halbjüdischen" Jugendlichen mussten
nach Bombenangriffen die Aufräumarbeiten machen. Ein
Eisenbahntransport sollte sie baldmöglichst nach Litzmannstadt
bringen, wegen der Bombardierung des Eisenbahnweges war die
Umsetzung dieses Vernichtungsplanes nicht durchführbar. Hans
nutzte die Möglichkeit dem Lager zu entfliehen, wurde aber von
der Feldgendarmerie aufgegriffen, als Deserteur ins Gefängnis gesteckt und vor das SS-Standgericht in Braunschweig
gebracht. Weil sich herausstellte, dass er nicht aus der
Wehrmacht desertiert war, wurde er entlassen und einem Bombenaufräumkommando
zugeteilt. Er floh aufs Neue und erlebte in Bremen er das Kriegsende. Die
jüngeren Geschwister hatten, soweit sie schulpflichtig waren, die
Schule in Horn besucht und einige Erfahrungen mit Diskriminierungen in
Schule und Nachbarschaft gemacht. Die Familie war in doppelter Weise
stigmatisiert: als jüdisch und katholisch. Als die Bombenangriffe auf
Bremen stärker wurden, sorgte die katholische Gemeinde dafür, dass
viele Kinder, so auch die Kinder der Familie Plonsker, in Glandorf bei
Osnabrück bei Bauern unterkommen konnten.
Nach Kriegsende kehrten sie wieder nach Bremen zurück. Die
Besatzungsmacht gewährte der Familie wegen ihrer Verfolgung in der
Nazizeit einen Ausweis für bevorzugte Behandlung zum Kauf von
Lebensmitteln. Es zeigte sich aber, dass die tief sitzende Ablehnung
gegenüber Menschen jüdischen Glaubens bei manchen Mitbürgern und
Nachbarn keineswegs verschwunden war, sondern im Gegenteil 1947 noch
sehr deutlich spürbar blieb. So sagte der Milchhändler zum jüngeren
Bruder Heinz: „Komm, Moses, stell dich hinten an!" Weil der
Bevorzugtenschein nur Ärger bereitete, verzichtete die Mutter
schließlich darauf, diesen vorzuzeigen.
Otto Plonsker kehrte nach fünfmonatigem Aufenthalt in Theresienstadt nach
Bremen zurück. Seine Eltern, ein Bruder und seine Schwägerin
waren im Konzentrationslagern gestorben. Die Erlebnisse jahrelanger
Demütigung in der Nazizeit und die Schrecken von
Theresienstadt brachten die Eheleute Plonsker seelisch auseinander.
Martha Plonsker hatte große Not, allen Kindern Nahrung und Ausbildungsmöglichkeiten
zu geben. Lange brauchte es, bis sie eine kleine Rente bekam, da sie während
der Nazizeit nur Schwarzarbeiten verrichten konnte und nicht rentenversichert war. Mühsam
hat sie in einem kleinen Brotladen Brot einer Bremer Brotfabrik
verkauft. 1981 starb sie nach ein harten,
entbehrungsreichen Leben mit 79 Jahren. Der
älteste Sohn Hans fand nach seiner Rückkehr nach Bremen für ein Jahr bei der
Gärtnerei Scherrer erneut Arbeit. Diese Zeit nutzte er, um im
Selbststudium die Mittlere Reife nachzuholen. 1946 ging er nach
Berlin, wo er im Ostsektor der Stadt als Naziverfolgter und
Arbeitersohn
ohne Abitur ein Gartenarchitektur-Studium beginnen konnte. Nach Adalbert Keilus der am 18. April 2000 mit den Brüdern Hans und Heinz Plonsker über ihre Familiengeschichte während der Nazizeit sprach. |
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(Nach: Lebensgeschichten Schicksale Bremer Christen jüdischer
Abstammung nach 1933, Hauschild Verlag Bremen 2006) |
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